Wechseljahre: Vom Abstellgleis zur Startbahn

Wechseljahre: Vom Abstellgleis zur Startbahn

Fruchtbarkeit, Jugend und Sanftmut – drei Attribute, von denen Frauen immer wieder erzählt wird, dass sie erstrebenswert wären. Doch woher kommt das eigentlich?
Inhaltsverzeichnis

Gesellschaftliche Ideale und ihre Ursprünge

Wenn Ideale von Generation zu Generation weitergegeben werden und nicht hinterfragt oder verändert, dann können sie in uns zu einer vermeintlichen Wahrheit werden, der wir glauben – das war ja schon immer so, also ist das so – und der wir bewusst oder unbewusst folgen. Doch was wäre, wenn diese Ideale nicht erstrebenswert sind?

Wenn es Weisheit, reife und Klarheit wären, die wir als erstrebenswert definieren? Wenn Wechseljahre nicht mehr der Abschied von vermeintlichen Idealen wären, sondern der Beginn von einer neuen Freiheit?

Es ist an der Zeit, uns zu befreien von den alten Idealvorstelllungen von Frausein, die so tief in uns stecken, dass es uns selber manchmal nicht bewusst ist.

Überall wo wir hinschauen sehen wir junge, straffe Frauen mit leicht geneigtem Kopf – auf Partnerbörsen als perfekte Freundin, in Kosmetikwerbung als vermeintliches Ideal, auf Nahrungsergänzungsmitteln als gehyptes Ziel.

Auch ich habe lange geglaubt, es gilt den Verfall aufzuhalten, es gilt das Raum einnehmen – auch im physischen Sinne – zu vermeiden und es gilt fruchtbar und freundlich zu sein.

Perspektivwechsel

Bis ich im Studium begann, in den Gender Studies die Wahrheit zu erfahren. Und auf einmal veränderte sich meine Sicht auf die Gesellschaft und auch die Sicht auf mich. Seitdem habe ich 10 Kilo zugenommen – und mein Körper dankt es mir – färbe meine weiße Haarsträhne bewusst nicht und habe definitiv Sanftmut durch Klarheit ersetzt. Denn ich habe verstanden:

Die Zeiten haben sich geändert. Wir dürfen als Frauen beginnen, dies auch zu verkörpern.

Lange Zeit war Fruchtbarkeit so erstrebenswert, dass Frauen in unserer Gesellschaft genauso auf dies reduziert wurden. Eine Frau hatte dem Mann Kinder zu gebären. In einer patriarchalen Gesellschaft – in der Erbreihenfolge durch die männliche Linie bestimmt wird – wurde Frauen schnell auf den einen Zweck reduziert, den Männer ihnen nicht streitig machen konnten. Gebärfähigkeit wurde das vermeintlich goldene Ticket – denn es war die einzige Eigenschaft, die der Frau ihre Existenzberechtigung in einer frauenfeindlichen Gesellschaft gab.

Noch heute sehen wir die Überreste in royalen Zusammenhängen, wo direkt nach der Hochzeit darauf gewartet wird, dass die eingeheiratete Frau schnell einen Thronfolger gebiert. Tut sie das nicht, hat sie ihren Zweck verfehlt. Und so war es natürlich, dass jugendliche Frauen bevorzugt wurden, denn ihr Körper war noch „voller Kraft“, es gab eine höhere Chance auf mehrere Kinder und anschließend konnte sie noch als tüchtige Arbeitskraft zu Verfügung stehen.

Epigenetik

Lesen wir dies, dann fühlt es sich oft wie ein Relikt vergangener Zeiten an – doch es sitzt uns oft noch in den Knochen – wortwörtlich. Denn dass, was unserer Ahninnen immer wieder eingetrichtert wurde, die Scham, die sie erfuhren, wenn sie nicht gebären konnten, die Abwertung, die ihnen widerfuhr, sobald sie nicht mehr menstruierten, all die Momenten, traumatisierenden Situationen, Gefühle von Ohnmacht und Co können epigenetisch weitergegeben werden.

Das bedeutet – noch heute spüren wir als Kollektiv der Frauen die Emotionen unserer Ahninnen ins uns. Was dazu führt, dass wir immer wieder verführbar sind. Und von den schon lange ausgedienten Botschaften fangen lassen, versuchen weiterhin jung und nach patriarchalen Maßstäben attraktiv zu sein.

Es bedeutet, dass die Zeit der Wechseljahre nicht als der Beginn eines Lebensabschnitt voll Weisheit und Freiheit gesehen wird, sondern als Ende und Abschied aus der Relevanz und Sichtbarkeit. Ganze Industrien leben davon, immer wieder alte Wunden in uns anzutriggern.

In meiner Arbeit höre ich immer wieder von Frauen, die nach außen hin schon lange all die Mechanismen abgelegt haben, um dann doch heimlich abends die Falten zu zählen und über Botox nachzudenken oder aufs Frühstück verzichten und es mit dem Proteinshake und einem Bulletproof Coffee ersetzen – auch wenn ihnen ein ordentliches Müsli lieber wäre.

Ich höre von Momenten, in denen Frauen sich in die Spanx zwängen oder nochmal flott Rouge auflegen – gut durchblutete Wangen sind ein Zeichen von Vitalität und genau, die steht für junge frische Gebärfähigkeit….und auch mir ging es jahrzehntelang so.

Doch es gibt einen Weg raus aus dem kollektiven Irrsinn. Und dieser Weg geht über unsere Ahninnen.
Für mich war es wie ein Befreiungsschlag, als mir klar wurde, wieviel dieser Jungendwahnprogramme und Schönheitsideale in Wirklichkeit überhaupt gar nichts mit mir zu tun hatten, sondern schon vor Generationen in meine Linie injiziert wurden.

Die daraus entstandenen Überzeugungen und intensiven emotionalen Erfahrungen haben sich quasi als Informationen auf meiner DNA abgelegt. Und sie werden auch noch heute tagtäglich von Medien, Werbung und Industrie getriggert.

Meine Erfahrung mit der Ahnenarbeit

In dem Moment, in dem ich begann, mich hinzusetzen und mich mit dem Ursprung zu verbinden, sprich mich auf die Suche nach der „Wurzel des Übels“ zu machen, traf ich auf Ahninnen, die Lebenssituationen hatten, die mit meiner aktuellen nicht zu vergleichen waren. Ich ehrte jede einzelne mit ihren Lebensumständen und ihren daraus entstandenen Überzeugungen. Und so konnte ich sie Schritt für Schritt gehen lassen.


Das Schöne an dieser Arbeit ist: Jede von uns kann sie machen, jederzeit. Denn jede von uns hat Ahninnen. Und wenn wir in Kontakt mit ihnen gehen, bekommen wir die Chance zu erkennen, was von dem, was ich fühle und was mich eventuell daran hindert in meine volle Kraft zu gehen wirklich meines ist und was davon in Wirklichkeit seinen Ursprung in einen anderen Zeit hat.

Ich nutze dazu eine Technik, die ich Gedanken-Wandler nenne. Zuerst denke ich den Satz, der mich einschränkt. Dann nehme ich mit einen Moment für den Body-Check und spüre in mich hinein spüren. Wo im Körper kann ich die Emotion dazu wahrnehmen? Ist diese lokalisiert, folgt der Emotions-Check. Ich stelle mir die Frage, ob diese Emotion im Ursprung meine eigene ist.

Dabei ist es wichtig, dem erstem Impuls zu vertrauen, denn unser Verstand will es logisch und greifbar. Hat diese Emotion ihren Ursprung nicht bei mir, folgt der Emotions-Release. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie ich sie aus mir herausnehme. Dabei kann ich sagen: „Ich brauche sie nicht mehr.“ Der Satz “Ich lebe im Jahr 2021 und meine Welt ist eine andere. Ich stehe für diese Emotion nicht mehr zur Verfügung.“ kann dabei eine machtvolle Unterstützung sein. Manchmal darf man diese Sätze auch noch ein paarmal wiederholen und dabei das Schicksal der Frau, die diese Emotion entwickelt hat, anerkennen.

Zum Abschluss spüre ich dann nochmal in mich hinein: wie geht es mir jetzt? Und mit was möchte ich den entstandenen Raum füllen? Das ist der Energie-Check. Dann fülle ich mich mit der Energie von Klarheit, Liebe, Kraft, Mut oder was auch immer es braucht auf, ich stelle mir vor, wie diese Energie all meine Zellen durchdringt. Zum Abschluss spreche ich den Gedanken vom Anfang noch einmal laut aus und nehme bewusst den Unterschied wahr.

Diese Übung ist ein praktischer Anfang, um sich nach und nach von einschränkenden Prägungen zu lösen. Die Arbeit mit den Ahninnen kann noch viel tiefer und weiter gehen.

Du bist die Antwort auf deine Fragen

In meinem Buch „Du bist die Antwort auf deine Fragen“ gehe ich speziell auf die Verbindungen von Frauen mit ihrer Linie ein. Denn ich glaube fest daran, dass wir die Antwort auf alle Fragen in uns finden können – wenn wir es uns erlauben unsere eigene Weisheit anzuerkennen. Vor allem als Frauen.


Als ich damals meine Sätze zu Jugendwahn & Co löste, spürte ich wie mein Körper begann sich zu entspannen, wie ich mehr und mehr meinen Raum einnehmen konnte. Ich merkte, dass ich aufhörte den Bauch einzuziehen und begann meine weiße Haarsträhne zu feiern.

Ich spürte, wie ich ganz bewusst in meinem Alter ankam.

Mit dem Transformieren all der alten Glaubenssätze und dem Auflösen der patriarchalen Muster in mir kam eine Freiheit, wie ich sie zuvor nicht kannte.

Und vor allem entstand eine Vorfreude auf das, was kommt. Denn die Wechseljahre wurden vom Abstellgleis zur Startbahn. Die Zeit der weisen, freien Frau, welche eingeleitet wird von den Wechseljahren.

Herzlichst, Kaja

PS: Im LEMONDAYS Buchtalk hat unsere Chefredakteurin ein Gespräch mit Kaja über ihr Buch „Du bist die Antwort auf deine Fragen“ geführt. Hier kannst Du es Dir anschauen:
https://youtu.be/_q-9ECCpQkM

Fotocredits: Grit Siwonia und Kaja Andrea Otto

Kaja Andrea
Kaja Andrea

Kaja ist Spiritual Feminist und gehört zu einer neuen Generation von spirituellen Teachern. Sie ist die Begründerin von ReRooting, Gründerin von The School of Modern Wisdom und Host des SoulWave Radio. Ihre Arbeitsweise ist eine ganz eigene Mischung aus modernem Wissen und uralter Weisheit. Sie unterstützt vor allem Frauen dabei, ihre Wahrheit, ihre Weisheit und ihre Wildheit wieder zu finden und zu leben. Sie hilft ihnen ahnengeprägtes Verhalten zu transformieren, patriarchale Strukturen zu durchbrechen und sich mit ihrer tiefen femininen Energie zu verbinden. Damit sie sich ein Leben in Liebe, Frieden und Freiheit schaffen können und nicht nur erfolgreich, sondern auch erfüllt sind. Für sich und diejenigen, die nach ihnen kommen. kajaandrea.de

Kaja Andrea
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Kaja ist Spiritual Feminist und gehört zu einer neuen Generation von spirituellen Teachern. Sie ist die Begründerin von ReRooting, Gründerin von The School of Modern Wisdom und Host des SoulWave Radio. Ihre Arbeitsweise ist eine ganz eigene Mischung aus modernem Wissen und uralter Weisheit. Sie unterstützt vor allem Frauen dabei, ihre Wahrheit, ihre Weisheit und ihre Wildheit wieder zu finden und zu leben. Sie hilft ihnen ahnengeprägtes Verhalten zu transformieren, patriarchale Strukturen zu durchbrechen und sich mit ihrer tiefen femininen Energie zu verbinden. Damit sie sich ein Leben in Liebe, Frieden und Freiheit schaffen können und nicht nur erfolgreich, sondern auch erfüllt sind. Für sich und diejenigen, die nach ihnen kommen. kajaandrea.de

Alle Aussagen und Empfehlungen in diesem Artikel sind sorgfältig recherchiert und für gesunde Frauen gedacht. Unsere Beiträge bieten jedoch keinen Ersatz für kompetenten medizinischen Rat und es wird keine Haftung übernommen. Auf jeden Fall solltest Du Dich in deinen Wechseljahren regelmäßig mit deinem Gynäkologen besprechen, gegebenenfalls auch mit Endokrinologen und Heilpraktiker.

1 Gedanke zu „Wechseljahre: Vom Abstellgleis zur Startbahn“

  1. Oh Mann, es ist definitiv kein Zufall, dass ich ausgerechnet heute an diesem Beitrag hängen blieb, obwohl ich schon öfter auf lemondays war. Ich bin 50 und gerade hart an einer Depression vorbei geschrammt. Immer diese gefühlte Überforderung, das Gefühl, hm, und nun, was kann kommen, wo nehme ich Inspiration her, wo ist meine treibende Kraft hin….. Und wenn sich der Mantel lüftet über der alten Trauer von meinen Eltern und vor allem Großmüttern, die beide ihren Mann verloren haben an den Krieg, und ich loslasse von dem unbewussten Wunsch, diese Trauer zu heilen, dann spüre ich die unglaubliche Kraft, Liebe und Freude die noch in mir wohnen. Was für eine Wohltat nach Monaten der Ratlosigkeit und Blockaden. Danke, auf geht’s.

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