Morgen schon ist alles anders.

Morgen schon ist alles anders.

Es schneit. Fasziniert von den leise tanzenden Schneeflocken zieht es Joya am späten Nachmittag hinaus ins Freie. Den flauschigen Schal fest um Schultern und Hals gewickelt, stapft sie auf den unberührten Feldweg hinter ihrem Haus. Nach ein paar Hundert Metern schaut sie sich um: Ihre warmen Fell-Stiefel haben eine schlängelnde Spur hinterlassen. Der Schnee hat ihre Schritte gedämpft und Joya genießt die Stille.

Einfach weitergehen“ denkt sie. „Nichts denken, nichts suchen, nichts erwarten. Einfach nur weitergehen!“
Joya schaut auf ihren Atem und beobachtet die Schnee-Kristalle, die sich in ihrem Atem-Nebel scheinbar auflösen.

„Ach, könnte ich doch nur meine schweren Gedanken auch so einfach schmelzen lassen.“

Joya bückt sich, sammelt zwei Hände Schnee auf und formt einen Schneeball. Das kalte Weiß kribbelt in ihren warmen Händen. Nachdenklich betrachtet sie die glitzernde Kugel und erinnert sich an eine Kloster-Auszeit. An den Schnee-Spaziergang, an dem sie gelernt hat, wie man Gedanken-Kugeln formt, um sie dann wieder loszulassen.

Joya lächelt etwas irritiert vor sich hin. „Ich habe so viel Gedanken-Kugeln im Kopf, daraus könnte ich eine ganze Schneeball-Stadt bauen!“

Gedankenverloren nimmt sie den nächsten Schnee auf und formt einen weiteren, noch größeren Schneeball. Sie drückt und knetet und presst die Schneekugel, bis sie hart ist wie ein Stein. Sie hebt den Arm ruckartig nach oben und wirft den Schneeball weit von sich.

Vielleicht hätte sie auf ihrem Spaziergang tatsächlich noch eine Schneeballstadt gebaut, wenn sie ihre kribbelnden Finger nicht aus ihrer Gedanken-Schleife gerissen hätten.

Schluss mit verhärteten und vereisten Gedanken!“ ermahnt Joya sich selbst und steckt ihre eiskalten Hände tief in die Jackentaschen.

Man muss loslassen, wenn’s weh tut. Besser noch, bevor es weh tut. Es ist so einfach. Eigentlich.
Wusstest Du, liebe Leserin, dass es mehr als 1000 Bücher zum Thema „loslassen“ gibt? Loslassen scheint irgendwie eines DER Hauptthemen unseres menschlichen Daseins zu sein.

Warum fällt Loslassen so schwer, wenn doch überall nachzulesen ist, wie einfach es ist?

Lass uns schauen, ob Joya loslassen kann. Inzwischen ist sie wieder zu Hause angekommen und wärmt ihre Finger an einer Tasse mit duftendem Tee.

Trotz des Spaziergangs fühlt sie sich traurig. Und gleichzeitig wütend. Am liebsten würde sie den Kalender sofort um ein Jahr nach vorne drehen.

Und gleichzeitig weiß sie, dass sie jede verlorene nicht gelebte Minute vermissen würde.

Ihre Gedanken wollen einfach keine Ruhe geben. Sie tanzen wie die Schneeflocken draußen in ihrem Kopf. Sie wechseln das Tempo und den Rhythmus im Sekundentakt: „Die Angst vor dem Virus, die Sorgen um die Familie, die Traurigkeit wegen… die Befürchtungen um…“.

Joya schüttelt sich, als könnte sie damit die Hirn-Schneeflocken zur Ruhe bringen. Sie rafft die Schultern gerade und holt sich Stift und Papier.

Was hatte sie damals im Advent-Wochenende im Kloster gelernt?

Wenn Deine Gedanken keine Ruhe geben oder Dich sogar quälen, setz Dich hin und schreib!

Joya nagt an ihrem Stift und schaut aus dem Fenster. Sie sieht, wie die Nachbar-Kinder lachend einen Schneemann bauen.

Wie war das nochmal mit dem Loslassen können im Schreiben?“

Joya versucht sich zu konzentrieren und plötzlich fällt ihr die Übung wieder ein. Und dann tanzen die Buchstaben schon über das Papier. Die (für Joya ungewöhnlich ruppige) Überschrift lautet: „Weihnachten liegt in der Luft. Corona auch!“

Joya beginnt Verse zu reimen. (Kleine Anmerkung unserer Redakteurin Silke: Dieser Tipp stammt aus meinem Schreib-Workshop „Die Amazonen-Reise“. Er besagt, dass wir – wenn wir unsere negativen Gedanken loslassen wollen – unserem Hirn eine ganz neue, ungewohnte Aufgabe geben müssen. Eine perfekte Übung, die super funktioniert lautet: Schreibe ein Gedicht zu Deinem Thema in Reimform).

Und Joya schreibt:
Weihnachten liegt zwar in der Luft,
doch ich rieche weder Glühwein- noch Mandelduft.
Und statt der sonst so hektischen Shopping-Massen,
sind die Geschäfte geschlossen und die Straßen verlassen.
Auch wenn es leuchtet in so manchem Haus,
sieht Besinnlichkeit ganz anders aus!
Die Stimmung ist mies und ziemlich bedrückt,
der Geist der Weihnacht ist hinter das Virus gerückt.
Und statt dem Licht, das einst den heiligen Stall erhellt
Liegt nun ein banges Gefühl in der Welt.
Weihnachten in diesem Jahr
ist nicht mehr so, wie’s früher war.

DAS ist das Stichwort!“ ruft Joya durch die Küche. Dieses „Wie’s früher war.“ Genau diesen Gedanken muss ich in diesem Jahr loslassen!

Was gehört denn für Dich, liebe Lemondays-Leserin zu diesem „Wie’s früher war“?

Bei Joya sind es Gedanken an die Gewohnheiten und die Sicherheiten, an die Pläne, die Traditionen, die Erwartungshaltungen, der „Wir-machen-das-wie-immer-Gedanke“. Aber all das funktioniert dieses Jahr nicht.

Dieses Jahr ist anders. Es fühlt sich an, als würde man die Geschichte der Weihnacht völlig neu schreiben müssen.

Ein Lächeln huscht über Joya’s Gesicht: „Okay. Dann schreibe ich die Geschichte neu. Alles was anders ist, könnte eine Chance sein.“

Und sie notiert:
Neu ist in diesem Jahr, dass wir jetzt auf Abstand gehen müssen. Dafür werden wir aber in unseren Herzen wieder zusammenrücken und uns auf unsere tiefsten gemeinsamen Werte besinnen.
Um das Licht der Weihnacht endlich wieder heller zu machen.

Neu ist in diesem Jahr, dass wir auf vieles verzichten müssen, aber dafür füllen wir uns wieder auf mit inneren Gaben, wie Empathie, Würde und vor allem Güte gegenüber allem, was um uns herum lebt.

Um uns den eigentlichen Ursprung der Weihnacht wieder bewusster zu machen.

Neu ist in diesem Jahr, dass wir vieles von dem loslassen müssen, was uns wichtig erschien. Aber nun müssen wir uns darum kümmern, was wirklich wichtig IST. Möge es uns gelingen.

Joya legt zufrieden ihren Stift auf die Seite. Draußen schneit es noch immer. Das bunte Treiben im Garten nebenan ist still geworden. Die Nachbar-Kinder sind längst bei sich zu Hause.

Joya blickt aus dem Fenster und entdeckt einen Schneemann auf dem Nachbar-Grundstück. Der witzige Kugel-Kerl scheint ihr aufmunternd zuzulächeln. „Na warte!“ lacht Joya. „Morgen ist alles anders!“


Als die Kinder am nächsten Morgen nach ihrem Schneemann schauen, reiben sie sich verblüfft die Augen.

Auf Joyas Grundstück steht die wohl größte und schönste Schneefrau, die sie jemals gesehen haben und lächelt mit ihrem Schneemann um die Wette.

Loslassen bedeutet nicht nur verlieren. Loslassen bedeutet auch: Sich für etwas anderes öffnen. © Silke Steigerwald

Ich wünsche Dir von ganzem Herzen FROHE WEIHNACHT und ein gesegnetes Fest.

WEIL DU WICHTIG BIST.

Herzlichst,
Silke

Alle Aussagen und Empfehlungen in diesem Artikel sind sorgfältig recherchiert und für gesunde Frauen gedacht. Unsere Beiträge bieten jedoch keinen Ersatz für kompetenten medizinischen Rat und es wird keine Haftung übernommen. Auf jeden Fall solltest Du Dich in deinen Wechseljahren regelmäßig mit deinem Gynäkologen besprechen, gegebenenfalls auch mit Endokrinologen und Heilpraktiker.

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